Junge Frau sitzt am Schreibtisch und hält sich den Kopf
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ADHS: Expertengespräch mit Dr. Johannes Streif

Haben jetzt alle ADHS? Die Debatte um diese Frage ist laut. Dr. Johannes Streif, 2. Vorsitzender des ADHS Deutschland e.V., beantwortet die wichtigsten Fragen zu ADHS – von Ursachen über Symptome bis zur Behandlung mit Medikamenten.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Was genau ist ADHS? ADHS ist keine reine Konzentrationsstörung, sondern eine Verhaltenshemmungsstörung: Das Dopamin-System reguliert Selbstkontrolle und Impulse weniger zuverlässig. 
  • Unterschied zwischen ADHS und ADS: „ADS“ gilt als umgangssprachliche Bezeichnung für ADHS ohne sichtbare Hyperaktivität. Wissenschaftlich wird ADHS auch ohne „Zappelphilipp“-Bild diagnostiziert, da Impulskontrolle zentral ist. 
  • Ursachen und Beginn der ADHS: Die Disposition ist zu etwa 70 Prozent genetisch, weitere Faktoren sind Umwelt und Entwicklung. Symptome zeigen sich früh; ICD-11 berücksichtigt Hinweise bis zum zwölften Lebensjahr. 
  • Woran erkennt man ADHS und wie zeigt es sich im Alltag? Typisch sind Impulsivität trotz Einsicht, Unruhe sowie hohe Reiz- und Ablenkbarkeit. Erwachsenen zeigen ähnliche Muster, häufig ergänzt durch Prokrastination. 
  • Diagnosen, Strategien und Medikamente: Mehr Diagnosen können teils durch Umweltreize und Fehldeutungen erklärt werden. Abtrainieren geht nicht, Strategien helfen. Medikamente (Stimulanzien) setzen an der Ursache an; Nebenwirkungen werden eingeordnet. 

Herr Dr. Streif, was genau ist ADHS?

ADHS ist keine Konzentrationsstörung, wie oft behauptet wird, sondern eine Verhaltenshemmungsstörung. Bei Menschen mit ADHS funktioniert das Dopamin-System nicht optimal, also der Gehirnbereich, der unter anderem Selbstkontrolle, Motivation und die Steuerung von Verhalten reguliert. Man kann sich das Gehirn dabei wie ein Auto mit Gas- und Bremssystem vorstellen: Das Gas funktioniert, aber die Bremse greift nicht zuverlässig. Dadurch fällt es Betroffenen schwerer, Impulse zu kontrollieren, und sie reagieren schneller auf Reize.  

Was ist der Unterschied zwischen ADHS und ADS?

ADS ist eigentlich nur ein umgangssprachlicher Laienbegriff für die ADHS, wenn keine sichtbare Hyperaktivität vorliegt. Wissenschaftlich gibt es nur das Störungsbild der ADHS. Heute kann ADHS auch ohne Hyperaktivität diagnostiziert werden, weil wir wissen: Das eigentliche Problem ist die Impulskontrollstörung. Man kann also ADHS haben, auch wenn man ruhiger und nicht der typische „Zappelphilipp“ ist.

ADHS: Ursachen und Symptome je nach Alter und Geschlecht

Was sind die Ursachen von ADHS?

Evolutionär betrachtet, sind ADHS-Betroffene die Nachfahren von jenen, die in Gefahrensituationen besonders schnell gehandelt haben. Man kann daraus aber nicht schließen, dass es ein genereller evolutionärer Vorteil war. Die Anpassung half nur in bestimmten Situationen, und die Nachteile waren nicht so groß, dass Menschen mit dieser Ausprägung ausselektiert wurden. Daher hat sich die Disposition bis heute erhalten.  

Das heißt, ADHS wird genetisch vererbt?

Die neurophysiologische Disposition zum Entstehen einer ADHS ist zu 70 Prozent genetisch bedingt. Die übrigen 30 Prozent werden durch Umwelteinflüsse bestimmt, z.B. während der Schwangerschaft, bei Geburtskomplikationen und insbesondere während der Gehirnentwicklung von der Kindheit bis zur Geschlechtsreife. Wächst ein Kind in einem sehr reizüberfluteten Umfeld auf, tritt die ADHS deutlicher zutage.

Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind ADHS hat?

Eltern erkennen die ADHS ihres Kindes oft daran, dass es in vielen Situationen sehr impulsiv handelt, obwohl es weiß, dass das Verhalten falsch ist. Anders als Kinder mit Sozialverhaltensproblemen können Kinder mit ADHS ihre Handlungsimpulse nicht unterdrücken. Typisch sind außerdem extreme Unruhe sowie eine hohe Reiz- und Ablenkbarkeit im Alltag.

Ab welchem Alter zeigt sich ADHS?

ADHS entsteht nicht irgendwann im Verlauf des Lebens, sondern zeigt sich bereits im frühen Kindesalter. Bisher galt: Die Symptome müssen bis zum sechsten Lebensjahr erkennbar sein. Mit der ICD-11 wurde diese Grenze auf zwölf Jahre hochgesetzt – aber nicht, weil wir davon ausgehen, dass die ADHS plötzlich später entsteht, sondern weil für die Diagnose objektive Hinweise aus mehreren Lebensbereichen nötig sind, zum Beispiel aus der Schule oder anderen Alltagssituationen.

Gibt es bei ADHS einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen?

Bei ADHS ist die fehlende Impulskontrolle das zentrale Merkmal – Jungen und Mädchen sind gleichermaßen betroffen. Der Unterschied liegt meist in der gesellschaftlichen Prägung: Jungen sind eher so sozialisiert, dass sie ihre Impulse nach außen tragen, während ADHS-Mädchen Vieles nach innen verlagern. Deshalb fällt die ADHS bei Mädchen seltener auf, obwohl sie, was die genetische Disposition anbelangt, vermutlich genauso häufig wie Jungen betroffen sind. 

Worauf sollten Eltern in der Erziehung achten, wenn ihr Kind ADHS hat?

Von ADHS betroffene Kinder brauchen – wie alle Kinder – klare Regeln und Werte sowie feste Alltagsstrukturen, die ihnen Sicherheit geben. Besonders wichtig ist es zudem, den Medienkonsum möglichst gering zu halten. Natürlich können Kinder auch mal eine Geschichte hören. Entscheidend ist jedoch die Art der Inhalte: Moderne, schnell geschnittene Kinderformate mit vielen Audioeffekten sind für die Gehirnentwicklung wenig förderlich. Ein ruhiges Hörbuch von Astrid Lindgren hingegen wirkt weniger reizüberflutend.

Wie zeigt sich ADHS bei Erwachsenen?

Im Grunde sind es die gleichen Probleme: Jemand sagt oder tut immer wieder Dinge, obwohl er es eigentlich nicht will. Auch Prokrastination zeigt sich bei Erwachsenen häufiger, weil sie ihren Alltag selbst organisieren müssen, während in der Kindheit die meisten Strukturen noch von außen vorgegeben werden. Je nach Sozialisation, Alter und Erfahrungen unterscheidet sich das impulsive Verhalten von ADHS-Betroffenen jedoch stark, obwohl die Ursache des Verhaltens dieselbe ist: eine unzureichende Verhaltenshemmung.

Soziale Medien und ihr Einfluss auf ADHS und Diagnosezahlen

Das Thema ADHS ist heute omnipräsent. Nimmt die Zahl der Betroffenen zu?

Wir haben heute tatsächlich mehr ADHS-Diagnosen. Ich vermute hier allerdings auch einige Fehldiagnosen, da es heute mehr Umweltfaktoren gibt, die ADHS-ähnliche Symptome fördern – etwa reizüberflutete Lebenswelten und ständige digitale Reize. Kurze Social-Media-Videos und ständiges Hin- und Herspringen zwischen Nachrichten, gewöhnen das Gehirn daran, die Aufmerksamkeit eher nach äußeren Reizen als nach eigenem Willen zu steuern. Fehlendes Training der Aufmerksamkeitssteuerung ist aber keine ADHS, kann im Alltag aber ähnliche Probleme verursachen. Deshalb könnten manche, vermeintliche ADHS-Diagnosen eher auf unzureichend geübte Aufmerksamkeit in der Kindheit zurückgehen. Übrigens: ADHS-Betroffene können sich sehr gut auf Aufgaben konzentrieren, die ihnen Spaß machen oder besonders reizvoll sind.

Kann man sich die ADHS abtrainieren?

Abtrainieren kann man sich die genetische ADHS-Disposition nicht. Aber die Stärke der Ausprägung lässt sich, wie eingangs beschrieben, durch die Umwelt beeinflussen. ADHS-Betroffene können hilfreiche Strategien entwickeln, um ihre Reizoffenheit einzudämmen. Zum Beispiel beim Lesen: Man sucht sich bewusst eine Zeit und einen Ort, an dem man ungestört ist. Dann wird die Geschichte selbst zum stärksten Reiz.

ADHS und Medikamente: Wirkung, Risiken und Vorbehalte

Sollte man ADHS mit Medikamenten behandeln?

Das hängt vom Leidensdruck ab. Die wenigsten Menschen mit oder ohne ADHS nehmen gerne Tabletten. Allerdings ist die medikamentöse Behandlung der ADHS die einzige Therapieform, die direkt an der Ursache ansetzt, nämlich am Hirnstoffwechsel, dessen abweichende Disposition die Grundlage der ADHS ist.

Welche Medikamente werden bei ADHS eingesetzt und wie wirken sie?

Die wichtigsten Medikamente in der Behandlung der ADHS sind Stimulanzien wie Methylphenidat (z. B. Ritalin) oder Amphetamin-Derivate. Wir wissen: Bei Menschen mit ADHS ist der Dopamin-Stoffwechsel an eine andere, sehr reizvolle Umwelt angepasst. Sie nehmen viele Reize gleichzeitig wahr. Der Nachteil: Die gezielte Aufmerksamkeit auf wichtige, aber weniger auffällige Informationen fällt schwerer. Stimulanzien sorgen dafür, dass das vorhandene Dopamin im Gehirn besser wirkt. So kann das Stirnhirn auch bei ADHS richtig arbeiten. Dadurch verbessern sich Impulskontrolle, Aufmerksamkeit und Bewegungskontrolle.

Welche Nebenwirkungen können bei ADHS-Medikamenten auftreten?

Viele Menschen sind skeptisch gegenüber ADHS-Medikamenten, weil Stimulanzien wegen ihrer chemischen Ähnlichkeit zu Amphetaminen oft als Drogen gesehen werden. In der Therapie werden jedoch deutlich schwächere Amphetamin-Derivate eingesetzt als etwa MDMA in Ecstasy. Studien zeigen: In den zugelassenen Dosen schädigen diese Medikamente das Gehirn nicht. 

Langfristig in der Kindheit eingenommene Stimulanzien können das Längenwachstum im Mittel um 2 bis 3 cm beeinflussen. Angesichts der heute üblichen durchschnittlichen Größe von Erwachsenen in den westlichen Industriestaaten dürfte dieser Effekt für die meisten Menschen bedeutungslos sein. Nur bei ohnehin bereits weit unterdurchschnittlicher Körpergröße im Kindesalter, sollte während der Einnahme des Medikaments das Wachstum beobachtet werden. Aber: Andere früher befürchtete Spätfolgen haben sich in rund 80 Jahren Forschung nicht bestätigt. Die Wirkung hält nur so lange an, wie das Medikament im Körper ist. Selbst Präparate mit verlängerter Wirkzeit wirken höchstens 12 Stunden und hinterlassen kaum stabile Stoffwechselprodukte im Gehirn. 

Und welche kurzfristigen Nebenwirkungen können auftreten?

Die häufigsten kurzfristigen Nebenwirkungen sind Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Nervosität, Tics, Blutdruckerhöhung sowie Herzklopfen. Das sind Effekte, die bei Stimulanzien häufig auftreten, da diese Substanzen nicht nur für eine größere Aktivität des Stirnhirns sorgen, sondern auch im Bereich des vegetativen Nervensystems anregend wirken. Körper und Geist müssen sich erst daran gewöhnen. Meist verschwinden diese Nebenwirkungen nach einigen Wochen der regelmäßigen Einnahme des Medikaments. Im Fall von Schlafstörungen macht es Sinn, lang wirkende oder retardierte Medikamente, deren mehrfache Wirkstofffreisetzung eine Wirkung über den ganzen Tag ermöglicht, ab dem späten Vormittag nicht mehr einzunehmen. Nicht-retardierte ADHS-Medikamente, die den Wirkstoff Methylphenidat enthalten, sollten ab dem Nachmittag nicht mehr eingenommen werden.  

Auch Mundtrockenheit, Magenbeschwerden, Übelkeit und ähnliche Nebenwirkungen können auftreten, sind aber nicht zwingend eine Folge der eigentlichen Wirksubstanz, sondern häufig auch der Trägersubstanzen von Tabletten.

Welche Falschinformationen kursieren rund um ADHS-Medikamente?

Über drei fragliche Nebenwirkungen wurde in den letzten zwei Jahrzehnten häufig diskutiert: die Frage, ob eine Behandlung mit Stimulanzien im Kindesalter das Auftreten einer Parkinson-Erkrankung im Erwachsenenalter begünstigt, vermehrt mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergeht oder das Suchtrisiko erhöht. Alle drei Befürchtungen haben sich im Rahmen von Langzeitbeobachtungen als unzutreffend erwiesen. Im Fall der Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie der Sucht weisen Studien sogar auf einen das Risiko senkenden Effekt der Medikation hin, zumindest bei Menschen mit ausgeprägter ADHS-Symptomatik.

Was raten Sie ADHS-Betroffenen, die hinsichtlich Medikamenteneinnahme unsicher sind?

Ich bin kein Arzt, daher kann ich hier keine allgemeingültige Empfehlung aussprechen. Man darf aber nicht vergessen, dass eine Registerstudie aus Großbritannien jüngst gezeigt hat, dass ADHS-Betroffene im Durchschnitt 7 bis 9 Jahre früher sterben als nicht von ADHS betroffene Menschen. Mutmaßlich tragen zahlreiche Faktoren zu diesem Ergebnis bei. Dennoch weisen die Befunde darauf hin, dass eine medikamentöse Behandlung der ADHS das Risiko eines vorzeitigen Todes deutlich verringern kann. Bei starker Impulsivität und Hyperaktivität sollte das Risiko von Nebenwirkungen besonders mit Blick auf die langfristige Entwicklung von Menschen mit ADHS abgewogen werden.

Bild von Dr. Johannes Streif

Dr. Johannes Streif ist klinischer Psychologe und zweiter Vorsitzender von ADHS Deutschland e. V., der größten ADHS-Selbsthilfeorganisation in Deutschland.
 

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