189263600
189263600

Gesundheit

Lust, Freiheit und Verantwortung: Sexuelle Gesundheit

Sexuell übertragbare Infektionen sind ein von vielen Menschen unterschätztes Risiko. Oft werden sie erst spät diagnostiziert. Experte Norbert H. Brockmeyer kennt die wichtigsten Mittel zur Prävention: Aufklärung und die Enttabuisierung von Sex.

Autor: Daniel Auer
Qualitätssicherung: Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer

Lesezeit: 4 / veröffentlicht:

STIs (sexually transmitted infections, auf Deutsch sexuell übertragbare Infektionen), nehmen in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu wenig Platz ein. „Das betrifft mich nicht. Ich bin da nicht gefährdet.“ Professor Dr. Norbert H. Brockmeyer ist Experte für Geschlechtskrankheiten und Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft, die sich für die Förderung sexueller Gesundheit stark macht. Er erzählt im Gespräch über Fortschritte und Herausforderungen bei diesem noch immer tabuisierten Thema.

Herr Professor Brockmeyer, manchmal könnte man glauben, Geschlechtskrankheiten hätten ihren Schrecken verloren. Stellt HIV keine Gefahr mehr dar?
Natürlich hat HIV nicht mehr den Schrecken, den es vor Jahren noch hatte, man muss da unterscheiden: In den 1980er und 90er-Jahren war der Druck viel größer, es gab keine wirksamen Therapien und viele Menschen starben an AIDS. Das hat sich zum Glück geändert. Durch moderne Behandlungsmöglichkeiten haben HIV-Infizierte inzwischen dieselbe Lebenserwartung wie Nichtinfizierte. Die pharmazeutische Forschung hat hier schlicht Unglaubliches geleistet – und tut das übrigens noch immer.

Es gibt also gute Therapiemöglichkeiten. Wie sieht es mit der Prävention aus?
Es gibt für Menschen mit erhöhtem HIV-Risiko inzwischen gute neue Möglichkeiten, sich zu schützen. Nicht nur ganz klassisch das Kondom, sondern auch PrEP ist immer mehr im Einsatz. Bei dieser „Prä-Expositions-Prophylaxe“ nehmen HIV-negative Menschen ein HIV-Medikament mit zwei Wirkstoffen ein und können sich so bis zu 99 Prozent vor einer Ansteckung schützen. Man darf dabei aber nie vergessen: Vor anderen Geschlechtskrankheiten schützt PrEP nicht.

„In Deutschland denken viele bei HIV nur an Afrika oder Asien.“

Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer

HIV erhält in Deutschland also zurecht nicht mehr so viel Aufmerksamkeit?
Die Infektionsraten sind seit drei Jahren rückläufig. Prävention und die einfache, wirksame Therapie – oft nur eine Tablette am Tag – führen dazu, dass viele Infizierte das Virus nicht mehr an andere übertragen können. Dadurch taucht HIV auch in den deutschen Medien weniger auf. In Ländern wie den USA ist das anders, dort kämpft man aber auch mit höheren Infektionszahlen. Es ist in Deutschland dennoch problematisch, dass HIV in der Berichterstattung meistens nur mit Afrika oder Asien in Verbindung gebracht wird. Das erzeugt ein falsches Gefühl der Sicherheit und erweckt den Eindruck, in Deutschland gebe es gar kein HIV oder AIDS mehr. AIDS, als Vollbild der HIV-Infektion, wird in Deutschland aber sicher selten werden.

Ist die Aufklärung also mangelhaft?
Man muss ganz klar sagen: Deutschland hat in der Aufklärungsarbeit bisher Großes geleistet. Für seine niedrigen Infektionszahlen wurde es schon in früheren Jahren weltweit bewundert. Das haben wir der großartigen, professionellen Aufklärung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu verdanken, und durch NGOs wie die Deutsche Aidshilfe. Vergleichbare westliche Länder waren hier nicht so erfolgreich, was sich auch in deutlich höheren Inzidenzen niedergeschlagen hat.

Gibt es weitere Geschlechtskrankheiten, die wir in Deutschland im Blick behalten sollten?
Natürlich. Hepatitis, Chlamydien, Gonorrhoe, humane Papillomviren (HPV) sind unter anderem ein kritisches Thema. Solche Infektionen werden leichter übertragen als HIV und können auch größten Schaden an unserer Gesundheit anrichten. In Deutschland haben wir steigende STI-Zahlen, wobei man sagen muss, dass diese Zahlen auf Bundes- und Länderebene leider meist noch nicht konsequent erhoben werden.

 

„Männer sehen für eine HPV-Impfung oft keinen Bedarf.“

Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer

Wie können wir uns vor diesen Krankheiten schützen?
Gegen viele dieser STI gibt es gute Präventionsmöglichkeiten. Das muss auch hierzulande mehr ins öffentliche Bewusstsein dringen. Safer-Sex-Maßnahmen und Vorsorgeuntersuchungen sind sehr wichtig und sollten auch in Anspruch genommen werden – in vielen anderen Ländern gibt es keine so gute medizinische Betreuung. Gegen HPV gibt es beispielsweise auch eine Impfung. Gerade Männer denken da oft nur an Gebärmutterhalskrebs und sehen keinen Bedarf. Dabei können diese Viren – in Männern wie Frauen – auch Kehlkopfkrebs oder Analkarzinome hervorrufen. Davon abgesehen: Genitalwarzen sind langwierig und auch nicht gerade angenehm!

Laut Zahlen des Robert Koch-Instituts feiert auch die Syphilis ihr „Comeback“. Hier werden teils Ängste vor einer langsam entstehenden Resistenz gegen Antibiotika laut. Berechtigt?
Es gibt tatsächlich das Risiko, dass sich einmal eine Resistenz entwickelt. Sollte Syphilis irgendwann nicht mehr durch Penicillin behandelbar sein, sieht es dunkel aus. Alarmismus ist aber nicht zielführend, bisher wirkt Penicillin hervorragend. Gegen andere Antibiotika bestehen jedoch schon Resistenzen. Bei anderen Krankheitserregern ist dieses Problem hingegen schon teils dramatisch. Insbesondere der Erreger der Gonorrhoe, im Volksmund Tripper, ist bereits gegen die meisten Antibiotika-Gruppen resistent.

Das Thema Corona hat viele andere Gesundheitsthemen lange verdrängt. Können wir von dieser Pandemie wenigstens etwas für die STI-Prävention lernen?
Auf jeden Fall. Was wir davon auch für die sexuelle Gesundheit mitnehmen können ist: Lassen wir uns testen! Wenn ich zum Beispiel Sex mit einem Menschen hatte, den ich nicht gut kenne, sollte es – ganz wie beim Covid-Test nach einem Risikokontakt – auch automatisch in meinem Bewusstsein sein, dass ich mich testen lassen sollte. Auch andere Maßnahmen können wir regelmäßiger anwenden. So wie wir bei Corona oft zur Gesichtsmaske gegriffen haben, stehen uns beim Sex etwa Kondome oder Lecktücher zur Verfügung.

„Wir brauchen einen positiven, offen Zugang zu Sexualität.“

Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer

Was ist letztendlich der Schlüssel für eine Gesellschaft, die verantwortungsbewusst mit ihrer sexuellen Gesundheit umgeht und so das Risiko von STIs minimiert?
Der wichtigste Punkt ist einerseits Aufklärung und Bewusstseinsbildung. Das sollte schon in der Schule beginnen – am besten durch Dritte. Da es sich nach wie vor um ein sensibles Thema handelt, können außenstehende Experten und Expertinnen meist besser aufklären als das Lehrpersonal.

Ein zweiter, entscheidender Punkt: Wir müssen in unserer Gesellschaft einen positiven, offenen Zugang zu Sexualität schaffen und vermitteln. Nur dadurch entwickeln sich in der Bevölkerung Wissen und Kompetenz. Das ist auch eines der Kernanliegen der deutschen STI-Gesellschaft: Sex darf kein Tabu sein. Ein gesundes Sexualleben bedeutet Lust, Freiheit und Verantwortung. Das sind auch die Haupthemen beim Deutschen STI-Kongress in Berlin vom 22.-25. Juni dieses Jahres.

Zur Person

Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer ist seit 2002 Expert Consultant für HIV und AIDS der Weltgesundheitsorganisation (WHO). 2015 Gründung des ersten interdisziplinären, institutions- und rechtsformübergreifenden Zentrums für Sexuelle Gesundheit, WIR Walk In Ruhr (Universitätshautklinik Bochum). Seit 2010 ist Prof. Brockmeyer Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft (DSTIG).