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Familie

Zwei Jahre Corona. Und was ist mit den Kindern?

Die Pandemie hat allen Menschen auf unterschiedliche Art und Weise enorm viel abverlangt. Besonders für Familien waren die vergangenen zwei Jahre hart. Dabei wurden Kinder jedoch in der medialen Betrachtung oft vernachlässigt. Prof. Renate Schepker, Ärztin für Kinder-, Jugendpsychiatrie und Psychotherapie über vermehrte häusliche Gewalt gegen Kinder, schwerwiegende Folgen von Isolation und mangelnde therapeutische Angebote.

Autor: Jannik Deckers
Qualitätssicherung: Prof. Dr. med. Renate Schepker

Lesezeit: 3 / veröffentlicht:

Frau Prof. Schepker, wie schätzen Sie das Thema Gewalt gegen Kinder im Zusammenhang mit den coronabedingten Lockdowns ein?

Die Kinderschutz-Hotline hat in Verbindung mit einer Erhebung der Universitätsklinik Ulm einen deutlichen Anstieg der Anrufe vor allem im zweiten Lockdown (Dez 2020 – Mai 2021) nachweisen können. Besonders die Kriminalstatistik des Jahres 2020 verzeichnet eine alarmierende Entwicklung. Die Zahl der misshandelten Kinder stieg im Vergleich zum Vorjahr um 10 Prozent und die Fälle von Kindesmissbrauch um knapp 7 Prozent. Im Austausch mit anderen ärztlichen Praxen und Jugendämtern hat sich gezeigt, dass diese Entwicklung dort ebenfalls wahrgenommen wurde. Die Belege deuten also stark darauf hin, dass ein Zusammenhang zwischen der Zunahme der Gewalt gegen Kinder und den Lockdowns besteht.

Außerdem ergab eine Online-Befragung der Hochschule für Politik München, dass es vor der Corona-Zeit in 6,5 Prozent der befragten Haushalte zur körperlichen Bestrafung eines Kindes kam. Während einer Quarantäne der Familie waren es dann schon 11 Prozent. In dieser speziellen Situation unter erschwerten häuslichen Bedingungen verdoppelte sich die Zahl also beinahe.

Wie kann dieser Anstieg begründet werden?

Zu den Gründen zählen unter anderem coronabedingte finanzielle Probleme. Menschen in gewissen Branchen, haben ihre Jobs verloren, gingen in Kurzarbeit und hatten folglich existentielle Sorgen. Eine weitere Folge ist, dass vermehrt Eltern mit depressiven Störungen zu kämpfen haben. Beide Aspekte sorgen für ein größeres Konfliktpotenzial innerhalb der Familie.

In erster Linie trifft es größtenteils Kinder, die aufgrund der familiären wirtschaftlichen Verhältnisse sowieso schon benachteiligt sind. Das sind Kinder in beengten Wohnverhältnissen, die sich weniger bewegen können, die weniger rauskommen und die mit vielen Menschen in wenigen Räumen wohnen müssen. In der Regel haben sie selten die Möglichkeit, anderen Familienmitgliedern aus dem Weg zu gehen oder sich zurückzuziehen. Das führt zwangsläufig dazu, dass Situationen in diesem Umfeld unter den Extrembedingungen eines Lockdowns oder einer Quarantäne leicht aus dem Ruder laufen können. Es ist aber keine Einbahnstraße – manche Familien sind auch sehr gut darin auszugleichen!

Wirkt sich die zunehmende Isolation und die Verringerung der sozialen Kontakte negativ auf betroffene Kinder aus?

Kinder gehen je nach Charakter unterschiedlich mit dieser Situation um. Manche haben sich gut vernetzt und haben auch trotz verstärkter Isolation auf dem digitalen Weg zueinander Kontakt halten können. Introvertiertere Kinder werden den Rückzug vermutlich sogar zuerst begrüßt haben. Die Schulleitungen beklagen jedoch, dass es vermehrt zu Schulabbrüchen kommt. Eine größer werdende Zahl an Kindern geht also auf dem Bildungsweg verloren. Manche Kinder fangen an zu resignieren und kommen in der Schule nicht mehr hinterher. Langfristig wird sich diese Entwicklung verstärken. Darüber hinaus kann mit Sicherheit gesagt werden, dass sich bei fortschreitender pandemischer Lage die Anzahl depressiver Verstimmungen bei Kindern und Jugendlichen erhöhen wird; vorliegende Daten bestätigen das bereits. Die Isolation und fehlende soziale Kontakte spielen hierbei sicherlich eine zentrale Rolle.

Der Bedarf an psychotherapeutischen Behandlungen müsste demnach auch in Zukunft steigen. Leider stand es mit den Kapazitäten schon vor der Pandemie eher schlecht.

Momentan ist ein stärkerer Aufnahmedruck in den Kliniken sowie ein stärkerer Beratungsbedarf in den ambulanten Praxen und Beratungsstellen zu beobachten. Im ersten Lockdown war das noch nicht spürbar, aber mittlerweile ist es in vollem Gange. Damit einhergehend steigen die Notfallquoten und Krisenbehandlungen. Die Kapazitätsausweitung in den entsprechenden Orten ist somit dringend notwendig. Ansonsten wird es nicht möglich sein, jedem Fall gerecht werden zu können. Die Regierungsparteien haben dazu im Koalitionsvertrag vermerkt, dass es mehr Psychotherapeutenplätze geben muss. Das Thema ist in der Politik jedenfalls angekommen.

Ist bei Kleinkindern ein Entwicklungsmangel aufgrund der Isolation zu beobachten?

Es konnte festgestellt werden, dass es in puncto Sprachentwicklung Aufholbedarf gab und in einigen anderen Entwicklungsbereichen ebenfalls. Hierbei muss jedoch gesagt sein, dass Kleinkinder sehr flexibel sind. Sie können die aufzuholenden Inhalte ohne Schwierigkeiten auch später erlernen. Das Problem ist vielmehr die unterschiedliche Personaldichte in den Kindertagesstätten auf Bundesebene. In Mecklenburg-Vorpommern kommt eine Personalstelle auf 5,6 Kinder, wohingegen in Baden-Württemberg eine Kraft im Schnitt 2,9 Kinder betreut (bei Kitas für Kinder unter 3 Jahren). Manche Kinder werden also aufgrund der Unterbesetzung gravierende Probleme bei der Heranführung an das Altersniveau haben.

Welche Lösungsansätze existieren, um betroffene Kinder nachhaltig zu unterstützen?

Hierzu bestehen bereits einige positive Ansätze. Zur Sicherung der Kinder- und Jugendhilfe wird die Schulsozialarbeit von der Politik stärker gefördert. Durch die hinzukommende finanzielle Unterstützung entstehen weitere Arbeitsplätze in diesem Bereich, wovon in Zukunft immer mehr Kinder in den Schulen profitieren werden. Darüber hinaus existieren hilfreiche Programme wie die Jugendaktion „Gut Drauf – Bewegen, Essen, Entspannen“. Dieses Format fördert einen gesunden Lebensstil von Kindern und Jugendlichen im Alter von 5 bis 18 Jahren. Letztlich sollte der Ausbau von Therapiemaßnahmen weiter vorangetrieben werden, denn der Trend geht in Richtung eines steigenden Bedarfs an Hilfe. Um damit Schritt halten zu können, müssen in kurzer Zeit entsprechende Schritte eingeleitet werden.

Zur Person

Prof. Dr. med. Renate Schepker ist Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Darüber hinaus ist sie als fachpolitische Geschäftsführerin bei der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. tätig.

Stand: Februar 2022