Das Impostor-Syndrom: Zweifel am eigenen Erfolg

Ist Tom Hanks ein Hochstapler? Der US-Schauspieler fühlt sich laut eigenem Bekunden oft so. Auch die die ehemalige First Lady Michelle Obama leidet unter dem Impostor-Syndrom. Wer davon betroffen ist, bezweifelt, den eigenen Erfolg tatsächlich verdient zu haben. Mehr als 70 Prozent haben diese Gefühle im Laufe ihres Lebens. Sie lassen sich jedoch überwinden.

Qualitätssicherung: Philipp Grätzel von Grätz, Arzt und Medizinjournalist

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Gute Arbeit, weiter so! Während die meisten Menschen sich über ein solches Lob freuen, beginnen diejenigen, die unter dem sogenannten Impostor- beziehungsweise Hochstapler-Syndrom leiden, zu zweifeln. Haben sie das wirklich gut gemacht? War es nur ein Lob aus Höflichkeit? Besonders leistungsstarke Personen zweifeln, sie fühlen sich trotz objektiven Erfolgs nicht erfolgreich. „Sie glauben von sich, nicht so kompetent zu sein, wie der Erfolg annehmen lässt“, sagt Mona Leonhardt, die als Psychologin an der Goethe-Universität Frankfurt forscht.  

„Die Bestätigung, kompetent zu sein, wird zwar ersehnt, aber das Lob anderer wird als Freundlichkeit verbucht“, schreibt die Psychologie-Professorin Sonja Rohrmann, ebenfalls von der Goethe-Universität, in ihrem Buch. Betroffene haben Angst als Hochstapler entlarvt zu werden. Sie halten sich nicht für klug oder kompetent genug und denken, es sei nur eine Frage der Zeit, bis das auch alle anderen merken.

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Was ist das Impostor-Syndrom?

Menschen, die sich permanent als Hochstapler fühlen, haben Schwierigkeiten damit, ihre Leistung auf die eigene Kompetenz zurückzuführen. Erfolge werden mit externen Faktoren wie Glück und Zufällen erklärt. Niederlagen dagegen verstärken das Gefühl eigener Unfähigkeit.

Das Impostor-Syndrom ist keine Krankheit

Der Begriff Syndrom stammt eigentlich aus dem medizinischen Bereich. Deswegen sollte man ihn streng genommen nicht verwenden: „In der Wissenschaft verwenden wir den Begriff Impostor-Phänomen oder Impostor-Selbstkonzept“, erklärt Leonhardt. Denn: Es handelt sich dabei nicht um eine Krankheit, sondern um ein Persönlichkeitsmerkmal. Und der Begriff „Syndrom“ löst schnell eine klinische Assoziation aus. 

Mit dem Phänomen haben sich die beiden US-amerikanischen Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes erstmalig 1978 beschäftigt. Sie befragten Frauen, die allesamt entweder anerkannte Wissenschaftlerinnen oder Studentinnen mit exzellenten Abschlüssen waren. Das Ergebnis: Viele der erfolgreichen Frauen fühlten sich als Hochstaplerinnen und litten unter Selbstzweifeln – trotz ihrer herausragenden akademischen Leistung. 

Wer ist vom Impostor-Syndrom betroffen?

In der Wissenschaft dachte man lange, nur Frauen seien betroffen. Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass das nicht stimmt. Denn einer Studie zufolge haben etwa 70 Prozent aller Menschen schon mal in ihrem Leben Bekanntschaft mit dem Impostor-Phänomen gemacht. Männer und Frauen sind überwiegend gleich betroffen. Einer aktuellen Studie zufolge, die die Psychologin Mona Leonhardt durchführte, zeigten bereits Kinder und Jugendliche ab der dritten Klasse Impostor-Gefühle.

Bin ich ein Hochstapler?

Wer hin und wieder an sich selbst zweifelt, muss nicht unbedingt das Impostor-Syndrom haben. Folgende Merkmale können aber darauf hinweisen: 

  • Betroffene werten Lob und Anerkennung von anderen ab 
  • Betroffene haben das Gefühl, ihren Erfolg nicht mit eigener Kompetenz erlangt zu haben, sondern nur durch Glück und Zufall 
  • Betroffene haben Angst, als inkompetent wahrgenommen zu werden und als Hochstapler aufzufliegen 

Welche Ursachen hat das Impostor-Syndrom?

Wie das Impostor-Syndrom konkret entsteht, ist schwer zu sagen – dazu fehlen noch Langzeitstudien. Klar ist jedoch, dass es ein komplexes Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren ist. Zum einen spielt die Persönlichkeitsstruktur eine große Rolle – also etwa die Veranlagung zu Perfektionismus und großer Ängstlichkeit. „Betroffene möchten ihre Arbeit möglichst perfekt machen und tun alles dafür, ein mögliches Scheitern zu verhindern“, erklärt die Frankfurter Forscherin Leonhardt. Gleichzeitig möchten sie nicht im Mittelpunkt stehen, sie fragen beispielsweise nicht als Erstes nach einer Gehaltserhöhung.   

Zum anderen ist die Sozialisation entscheidend. „Es gibt Kinder, die beispielsweise in der Annahme aufwachsen, weniger um ihrer selbst willen geliebt zu werden“, so die Psychologin. Liebe und Zuneigung hängen in der Wahrnehmung dieser Kinder stark von guten Leistungen ab. Das führt dazu, dass das Selbstwertgefühl eng an Leistung gekoppelt wird. Die Betroffenen werden ängstlicher und möchten um keinen Preis versagen. Letztendlich entsteht ein Teufelskreis, aus dem Menschen mit den Impostor-Gefühlen nur schwer ausbrechen können.

Welche Folgen kann das Impostor-Syndrom nach sich ziehen?

Im Gegensatz zu echten Hochstaplern liefern Menschen mit Impostor-Gefühlen gute Leistung ab. Sie sind objektiv erfolgreich. Auch bei ihren Kolleginnen und Kollegen sind sie häufig sehr beliebt, da sie sich nicht in den Vordergrund drängen und ihre Arbeit super erledigen.  

Für Menschen mit dem Hochstapler-Syndrom sind zwei unterschiedliche Arbeitsweisen typisch. Betroffene sind häufig Perfektionisten und Prokrastinierer. „Beide Arbeitsstile sind eng mit der Befürchtung verbunden, den Respekt und die Zuneigung der sozialen Umgebung im Falle des Versagens zu verlieren“, schreibt Rohrmann in ihrem Buch. 

Ausprägung bei Perfektionisten und Prokrastinierern

Perfektionisten führen ihren Erfolg darauf zurück, dass sie sich immer übermäßig anstrengen, da sonst vermeintlich gar nichts klappt. Sie fühlen sich also nicht gut genug, weil sie denken, dass andere weniger Zeit für die gleiche Aufgabe gebraucht hätten.  

Prokrastinierer neigen dazu, bis zur letzten Sekunde alles aufzuschieben, um den Zeitpunkt des vermeintlichen Scheiterns hinauszuzögern. Sie arbeiten dann schließlich auch nachts, mit vielen Überstunden und auf Hochdruck alles ab. Dabei „vernachlässigen sie ihre eigenen Bedürfnisse und die sozialen Kontakte“, erklärt Ivon Ames, die sich an der Fernuniversität Hagen mit Arbeits- und Organisationspsychologie beschäftigt. Sie schmälern ihre Leistung, indem sie diese auf Glück und Zufälle zurückführen. Schließlich konnte die Leistung nicht gut sein – in der Kürze der Zeit.  

In beiden Fällen sind Personen mit dem Impostor-Syndrom unzufrieden. Die Perfektionisten, weil sie es nur durch eine umfassende Vorbereitung mit einigen Überstunden geschafft haben, und die Proskratinierer, weil sie mit mehr Zeit ein besseres Ergebnis hinbekommen hätten. 

Auch das Privatleben der Betroffenen mit Impostor-Gefühlen wird oft in Mitleidenschaft gezogen. „Allein dadurch, dass sie viel Zeit auf der Arbeit verbringen, fällt es vielen schwer soziale Beziehungen aufzubauen“, sagt Ames. Sie können im Feierabend nur schwer abschalten, ihre Gedanken kreisen um Job-Themen, oft planen sie schon ihren nächsten Arbeitstag. Es fällt ihnen schwer, sich auf die Familie, eigene Hobbys, und auf Freunde einzulassen.  

Das Impostor-Syndrom kann trotz vieler Erfolge auch im Berufsleben negative Auswirkungen haben, wie Forscherin Leonhardt aus ihrer Erfahrung mit Betroffenen weiß. „Ein geringes Selbstwertgefühl führt dazu, dass Betroffene ihr Potenzial nicht ausschöpfen, Karrierewege sogar abbrechen“, sagt sie. Die negativen Gedanken und die Anspannung im Berufsalltag können zudem zu einer hohen Stressbelastung führen. Studien zeigen eine deutlich erhöhte Stressbelastung bei Personen mit ausgeprägtem Impostor-Selbstkonzept. Das wiederum kann mit Folgen wie Angststörungen, Depressionen und Burn-Out assoziiert sein. 

Folgen vom Impostor-Syndrom können sein:

  • Angststörungen 
  • Depressionen 
  • Burn-Out 
  • Rückzug aus dem Familienleben 
  • Vernachlässigung sozialer Kontakte 

Wie können Betroffene die Impostor-Gefühle überwinden?

Zunächst einmal kommt es darauf an, wie sehr das Impostor-Syndrom die Person im Alltag einschränkt. Wenn die Selbstzweifel sehr stark sind, ist professionelle Hilfe angesagt, um Erkrankungen wie einer Depression entgegenzuwirken.  
 
Damit es nicht so weit kommt, können Menschen mit Impostor-Gefühlen sich aber auch selbst helfen. Es gibt einige wirksame Möglichkeiten, den Selbstzweifeln entgegenzuwirken. Wichtig ist: „Man sollte sich immer wieder bewusst machen, dass Fehler und Schwächen zum menschlichen Dasein gehören“, sagt Ames.

Tipps, die Betroffenen mit Impostor-Gefühlen im Alltag helfen können:

1

Mit anderen sprechen

„Es hilft auf jeden Fall, mit vertrauten Personen über die eigenen Gefühle zu sprechen“, empfiehlt Ames. Nicht alles in sich hineinfressen, sondern die Probleme thematisieren. Oftmals finden Betroffene heraus, dass andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Das stärkt das Selbstwertgefühl, die Personen fühlen sich weniger allein. „Nicht zuletzt wird das Impostor-Phänomen bekannter, weil immer mehr berühmte Persönlichkeiten von ihren Gefühlen berichten“, sagt Psychologin Leonhardt. Das gilt zum Beispiel für Tom Hanks, Michelle Obama oder Ellie Goulding – sie alle gehen davon aus, dass sie eigentlich gar nicht so gut sind, wie andere denken. Und das ist typisch für das Impostor-Phänomen.

2

Ein Erfolgstagebuch führen

Das Tückische am Impostor-Syndrom ist, dass betroffene Menschen ihre Leistung nicht auf die eigene Kompetenz zurückführen können: Alles, was sie erreichen, war entweder Glück, Zufall oder hätte besser sein können. „Wir Menschen erinnern uns in Situationen, in denen wir angespannt sind, eher an die negative Anspannung vor einem Ereignis als an den Erfolg danach“, erklärt Leonhardt. Deshalb: Kleine und große Erfolge aufschreiben, auch sich bewusst den Weg merken, der zu einem Erfolgsgefühl führte. Ein solches Tagebuch hilft, sich an positive Ereignisse zu erinnern – und so Leistung und eigene Kompetenz miteinander zu verknüpfen. Außerdem eignet es sich dafür, bevorstehende Bewerbungsgespräche oder Gehaltsverhandlungen vorzubereiten. Stets positiv zu denken, ist entscheidend.

3

Stolz auf sich sein

„Betroffene sollten sich unbedingt erlauben, stolz auf sich zu sein“, sagt Arbeitspsychologin Ames. Nach einem erreichten Ziel – einem erfolgreich abgeschlossenen Projekt oder auch einem Lob – sollten die Betroffenen sich bewusst feiern: „Ja, ich habe es geschafft! Ich kann das!“ Unser Gehirn lernt mit der Zeit, Erfolge anzuerkennen. „Studien haben gezeigt, dass die Impostor-Gefühle mit dem Alter leicht abnehmen“, erklärt Leonhardt. Trainingseffekte wie diese tragen dazu bei, sich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen und beruflichen Herausforderungen weniger ängstlich zu begegnen. Dann wird es einfacher, eigene Leistungen und Erfolge wahrzunehmen – und zu genießen.

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