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Seelische Gesundheit

Resilienz: das Immunsystem der Seele

Der Begriff der Resilienz rückt seit einiger Zeit immer stärker in den Fokus der Medien. Dabei kann man die Berichterstattung in zwei Gruppen gliedern: Die eine Gruppe beschäftigt sich mit dem medizinischen Phänomen, während die andere den Schwerpunkt auf die Stärkung der Resilienz legt. Dazu kommen noch zahlreiche Coaching-Angebote zu diesem Thema. Doch worum genau handelt es sich, wenn wir von Resilienz sprechen?

Autor: Marcus Klauss
Qualitätssicherung: Dr. Isabella Helmreich

Lesezeit: 3 / veröffentlicht:

Der Begriff selbst stammt ursprünglich nicht aus der Medizin, klärt uns Frau Dr. Isabella Helmreich vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz auf: „Der Begriff der Resilienz stammt eigentlich aus der Materialforschung und beschreibt die Fähigkeit eines Materials, sich nach der Verformung wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückzubegeben. In Bezug auf den Menschen beschreibt es die Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der psychischen Gesundheit nach Widrigkeiten oder Krisen.“

Kurz gesagt dreht es sich um psychische Widerstandsfähigkeit. Diese ist zum Teil angeboren und zum Teil erlernt. Die Forschung geht davon aus, dass genetische Faktoren zu 30 bis 50 Prozent ausschlaggebend sind.  

Kindheitserlebnisse sind prägend

Negative Faktoren für die seelische Widerstandsfähigkeit liegen oftmals schon in der Kindheit begründet. Gewalt, Vernachlässigung oder Armut können die weitere Entwicklung eines Menschen im Erwachsenenalter beeinflussen. Die US-Psychologin Emmy Werner hat dazu in den 1950ern auf der Hawaii-Insel Kauai etwa 700 Kinder in einer Langzeitstudie über 40 Jahre lang begleitet. Etwa ein Drittel der untersuchten Kinder war negativen Faktoren ausgesetzt, wie etwa Armut, psychische Erkrankung der Eltern oder instabile Partnerschaften. Dennoch entwickelte sich ein Drittel dieser Kinder im späteren Leben erstaunlich gut. Dabei spielten sowohl interne Faktoren, wie etwa die Persönlichkeit der untersuchten Kinder, als auch externe Faktoren, wie das erweiterte soziale Umfeld, eine Rolle.

Soziales Umfeld spielt eine große Rolle

„Ein funktionierendes soziales Netzwerk und die damit einhergehende Unterstützung haben einen positiven Effekt auf die psychische Widerstandsfähigkeit“, so Dr. Isabella Helmreich. „Dabei muss es sich nicht zwingend um ein Familienmitglied handeln, welches als unterstützende Person auftritt.“

In der Literatur werden unterschiedliche Resilienzfaktoren beschrieben, die trainiert werden können. Hier ist zum Beispiel aktives Coping zu nennen. Beim „problemorientierten Coping“ geht es darum zu erkennen, ob man ein Problem akzeptieren muss, oder ob man es aktiv verändern kann. So macht es wenig Sinn, sich seelischem Stress auszusetzen, wenn die Lösung des bestehenden Problems nicht in den eigenen Händen liegt. Beim emotionalen Coping hingegen geht es vor allem darum, die eigene emotionale Befindlichkeit zu verbessern, indem man negative Emotionen reduziert, neue Sichtweisen auf Situationen findet und sich in positivem Denken übt. Weitere Faktoren, die positive Effekte auf die Entwicklung von Resilienz haben, sind beispielsweise:

  • kognitive Flexibilität, also die Fähigkeit, auf Veränderungen durch flexibles Denken und Handeln zu reagieren.
  • Selbstwirksamkeit und damit die Überzeugung, Anforderungen aus eigener Kraft bewältigen zu können.
  • Optimismus, also eine positive Zukunftserwartung.
  • Religiosität/Spiritualität, etwa durch das Angehören einer religiösen Gemeinde oder durch Spiritualität und der Beschäftigung mit den Sinnfragen des Lebens im Allgemeinen.

Coaching-Angebote genau unter die Lupe nehmen

Resilienz kann man als Erwachsener zu einem gewissen Grad auch „erlernen“. Schon seit einiger Zeit hat nicht nur die Anzahl populärwissenschaftlicher Bücher zu diesem Thema zugenommen, sondern auch das Angebot an Coaching-Seminaren, in denen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in einem Crashkurs zu mehr persönlicher Resilienz verholfen werden soll. Dr. Isabella Helmreich sieht die Angebotsfülle kritisch. „Prinzipiell spricht nichts gegen das Angebot an Resilienz-Seminaren. Allerdings sollte man sich genau anschauen, wer und was genau sich hinter dem Angebot verbirgt. Es sollte schon darauf geachtet werden, dass die Seminarleiterin oder der Leiter über einen entsprechend fachlichen Hintergrund, zum Beispiel einen medizinischen oder psychologischen, verfügt und die Inhalte sollten auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren.“ Ebenfalls kritisch sieht sie zudem den Trend unter Arbeitgebern, die eigenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nur auf Seminare zu schicken, um sie gegenüber Stress widerstandsfähiger zu machen. Ziel der Resilienz-Forschung sei nicht die Optimierung von Angestellten zu stressresistenten Robotern, sondern neben der individuellen Stärkung der Resilienz und Selbstfürsorge, gehe es auch um die Verhältnisprävention, also die zur Verfügungstellung guter Arbeits-, Lern- und Lebensumfelder.

Wege zu einer starken psychischen Abwehr

Ob angeboren oder erlernt – eine starke Resilienz hilft Menschen, persönliche Lebenskrisen besser zu meistern, ohne langfristig in der Folge unter psychischen Erkrankungen zu leiden. Die eigenen seelischen Abwehrkräfte zu stärken, kann im Alltag gelingen, wenn einige Grundregeln beachtet werden.

Dr. Isabella Helmreich dazu: „Wenn es zu einer Lebenskrise kommt, kann es schon helfen, nicht nur den Blick auf das Negative zu fokussieren, also einen Tunnelblick zu haben, sondern den Fokus wieder zu erweitern und sich auch über die kleinen Dinge zu freuen beziehungsweise zu sehen, die es ja trotz allem gibt. Dadurch findet man oft neue Lösungen. Ein starkes soziales Netzwerk ist zusätzlich wichtig und gibt Halt. Dazu gehört auch, nicht nur Hilfe anzunehmen, sondern auch anderen zu helfen und zuhören zu können. Das stärkt die Selbstwirksamkeit und den Selbstwert. Eine Portion Optimismus und natürlich aktives Coping sowie die Akzeptanz von negativen Ereignissen als Teil des Lebens gehören ebenfalls dazu.“ Die Expertin betont aber auch, dass es dabei nicht zu einer Verpflichtung zur Gesundheit werden soll, an deren Ende die Optimierung des Menschen steht. Vielmehr ist ein ganzheitlicher, gesellschaftlicher Ansatz geordert, was die Bedeutung der sozialen Komponente auf dem Weg zur Resilienz unterstreicht. Dr. Isabella Helmreich gibt Eltern allerdings noch einen besonderen Rat mit auf den Weg: „Ein gut behütetes Umfeld ist zwar wichtig, allerdings sollte man Kindern die Möglichkeit geben, auch mal zu scheitern. Denn wer als Kind nicht lernt, mit Rückschlägen umzugehen, wird als Erwachsener eher Probleme damit haben, einen guten Weg aus einer Krise zu finden.“

Zur Person

Dr. Isabella Helmreich ist Leiterin des Bereichs „Resilienz und Gesellschaft“ am Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR; www.lir-mainz.de) in Mainz und psychologische Psychotherapeutin. Sie hat zum Thema Resilienz zahlreiche Fachbeiträge und Bücher veröffentlicht.