367285106
367285106

Ayurveda: das „Wissen vom Leben“

5 Elemente, 3 Doshas: Ayurveda ist eine uralte, ganzheitliche Heilkunst. Auch in Deutschland erfreut sie sich wachsender Beliebtheit. Das Befolgen ihrer Prinzipien soll Harmonie von Körper und Seele herstellen.

Lesezeit: / veröffentlicht:

„Ayur-was?“ Eine Frage, die in Indien wohl kaum jemand stellt. Dort ist Ayurveda als traditionelle, ganzheitliche Heilkunst etabliert. Der Name kommt aus dem Altindischen, dem Sanskrit, und bedeutet wörtlich „Wissen vom Leben“. Die Anfänge dieses medizinischen Systems reichen bis 5.000 Jahre in die Vergangenheit zurück.

Während Ayurveda in Indien, Sri Lanka und Nepal von einem Großteil der Bevölkerung geschätzt und sogar an Universitäten gelehrt wird, findet es inzwischen auch in westlichen Ländern immer mehr Beachtung – wenn auch mehr im Sinne von Wellness und Erholung. Davon zeugt auch die steigende Zahl von Hotels und Spas in Deutschland, die ayurvedische Kuren und Behandlungen anbieten.

Harmonie und Entspannung

Ayurveda sucht die harmonische Verbindung von Mensch und Natur. Durch verschiedene Anwendungen, zum Beispiel Massagen, Peelings, Dampfbäder oder Behandlungen mit Ölen und Kräutersäften, sollen Körper und Geist sich erholen und entspannen. In Verbindung mit pflanzlichen Heilmitteln und der richtigen Ernährung soll die Heilkunst auch chronische und psychosomatische Leiden mindern oder gar heilen. Doch nicht erst wenn Krankheiten das Leben schon beeinträchtigen, wird Ayurveda praktiziert. Es versteht sich als Lehre vom gesunden Leben, abgestimmt auf das Individuum und seine Bedürfnisse.

Elemente und Doshas

Das Kernstück der ayurvedischen Medizin bilden fünft Elemente. Ihnen werden auch die menschlichen Sinne und spezifische Aspekte zugeordnet:

  • Feuer – sehen, Energie und Wärme
  • Wasser – schmecken, Flüssigkeit und Feuchtigkeit
  • Erde – riechen, Festigkeit und Schwere
  • Luft – fühlen, Leichtigkeit und Bewegung
  • Äther (Raum) – hören, Weichheit und Durchlässigkeit

Jeder Mensch ist nun ein eigener Mikrokosmos für sich, in dem sich diese Elemente wiederfinden – in verschiedener Ausprägung. Ayurveda betont so die Individualität, die jeden von uns durch spezifische Stärken und Schwächen auszeichnet. Diese Individualität verlangt natürlich nach individueller Behandlung und Ernährung. Grundlage dafür bilden die sogenannten Doshas: die drei Lebensenergien Vata, Pitta und Kapha. Auch sie beziehen sich auf die Elemente.

  • Vata (Luft und Äther) steht für Leichtigkeit und Bewegung und regelt etwa die Atmung und das Nervensystem. Harmonisches Vata erzeugt Kreativität und Freude, während gestörtes Vata etwa zu Angst und Nervosität sowie Schlaflosigkeit, Verstopfung und Störungen im Bewegungsapparat führen kann.
  • Pitta (Feuer und Wasser) ist das Prinzip der Energie und der Umwandlung und so auch verantwortlich für Stoffwechsel und Verdauung. Pitta im Gleichgewicht fördert Intelligenz, Lernfähigkeit und Mut. Bei Problemen erzeugt Pitta jedoch negative Dinge wie Wut, Eifersucht und in Folge Verdauungsstörungen und andere Leiden.
  • Kapha (Wasser und Erde) meint das Prinzip der Stabilität. Es verleiht dem Körper Energie für mehr Kraft, Struktur und das Immunsystem, aber auch Ruhe und Gelassenheit. Ist es im Ungleichgewicht, kann es Emotionen wie Gier und Neid sowie Erkrankungen wie Fettleibigkeit oder Erkältungen hervorrufen.

Menschen lassen sich den drei Doshas nicht so leicht zuordnen, die meisten sind schließlich Mischtypen. Ayurveda-Spezialisten stellen bei ihren Patienten fest, welche Typen diese bei ihrer Geburt waren und zu welchen Typen sie sich bisher entwickelt haben. Auf dieser Grundlage erfolgen alle weiteren Behandlungen und Handlungsanweisungen für den Alltag. Ernährung, Massagen und Körperübungen werden nach Doshas und Elementen abgestimmt und müssen so auch weitere Faktoren wie Tages- und Jahreszeiten, Alter, Temperaturen, Farben und vieles mehr berücksichtigen.

Ernährung ist essenziell

Ein integraler Bestandteil von Ayurveda ist die richtige Ernährung, denn wer der indischen Lehre entsprechend isst und trinkt, soll auch nicht so leicht krank werden. Die passenden, korrekt zubereiteten Lebensmittel helfen, den Körper zu entgiften und die Selbstheilungskräfte zu stärken. Die Dosha-Typen bestimmen, welches Essen auf den Teller und welches Getränk ins Glas kommt. So rät Ayurveda zum Beispiel einem Vata-Typen, am besten zu Süßem, Saurem und Salzigem zu greifen.

Ayurveda-Küche muss man sich dabei nicht unbedingt als südasiatische Küche vorstellen. Die Regeln dafür kann man in fast allen kulinarischen Kulturen befolgen. Dabei ist Verdauung zentral: Süße Speisen sind schwer verdaulich und sollten daher vor Hauptmahlzeiten konsumiert werden. Rohkost ist in der Ayurveda-Küche eine Seltenheit. Damit der Körper die Nahrung gut aufnehmen kann, werden die meisten Speisen gekocht. Und diese sollten nicht beim Lesen oder Fernsehen verschlungen, sondern bewusst und in Ruhe genossen werden. Die Hauptmahlzeit, und damit den Großteil der Proteine und Kohlehydrate, nehmen Ayurveda-Begeisterte mittags zu sich.

Auch Gewürze spielen in der ayurvedischen Küche eine wichtige Rolle, etwa Nelken, Muskat, Kurkuma, Ingwer oder Safran. In ihnen enthaltene Stoffe tragen dazu bei, den Körper gegen Bakterien, Pilze und Viren zu wappnen.

Ayurveda heißt Vielfalt

Abgesehen von der richtigen Ernährung kommen bei Ayurveda viele verschiedene weitere Therapieformen zum Einsatz. Neben Pflanzen- und Kräuterheilkunde sollen verschiedene Formen der Reinigungstherapie helfen, schädliche Substanzen und Krankheitserreger aus dem Körper zu entfernen. Dazu gehören etwa medizinisches Erbrechen, wässrige und ölige Einläufe, Abführen und sogar Aderlass. Weitere Elemente in der Behandlung sind Yoga, Atemübungen, Meditation, Farb-, Aroma-, Klang- und Musiktherapie.

Wissenschaftlich nicht gesichert

In jedem Fall sollten Ayurveda-Interessierte im Bewusstsein halten: Die indische Gesundheitslehre bietet sich an als vorbeugende Maßnahme, oder als begleitende Therapie bei chronischen Leiden – unter professioneller Anleitung. Sie ist im Krankheitsfall kein Ersatz für die evidenzbasierte Schulmedizin, denn fundierte wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit der Ayurveda-Lehre gibt es nicht. Auch auf die mögliche Gefahr von Schwermetallbelastungen in manchen ayurvedischen Nahrungspräparaten wird hingewiesen.

Die WHO hat inzwischen Mindestanforderungen und Kriterien für die Ayurveda-Praxis und -Ausbildung entwickelt und fördert die Erforschung dieser traditionellen Medizin. Auch in Europa wollen verschiedene Vereinigungen wie die Deutsche Ärztegesellschaft für Ayurveda-Medizin oder der Verband Europäischer Ayurveda-Mediziner & -Therapeuten die Gesundheitslehre weiter medizinisch erforschen – und ihr damit langfristig zu mehr Akzeptanz verhelfen.

Ähnliche Artikel