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Gesundheit stärken

Wenn die Seele das Gleichgewicht verliert

Viele kennen es: Ein plötzliches Ereignis erschüttert das persönliche Gefüge. Diese Lebenskrise wirft die Psyche aus der Balance. Diplom-Psychologin Helga Land-Kistenich zeigt Lösungen für solche schwierigen Situationen auf.

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Insolvenz, Scheidung, Tod von Angehörigen, eine schwere Krankheit oder eine fristlose Kündigung sind Ereignisse, die die Betroffenen meist an ihre persönlichen Grenzen bringen. Wie lässt sich solch eine Krise meistern?

Solche Lebenskrisen können Menschen schwer erschüttern und ihr bisheriges Leben auf den Kopf stellen. Darum sollte sich jeder Betroffene Zeit für eine Lösung der Problematik nehmen und ggf. fachliche Hilfe in Anspruch nehmen. Grundsätzlich ist zunächst das Gespräch mit vertrauten Personen wichtig. Das können der Lebens- bzw. Ehepartner, Freunde, Eltern oder Verwandte genauso wie Berufskollegen sein. Gibt es im eigenen Umfeld keine dieser Gesprächsoptionen, so sollte unbedingt eine Beratungsstelle kontaktiert werden. Organisationen, wie zum Beispiel Caritas, Diakonie, Deutsches Rotes Kreuz oder christliche Gemeinden (bzw. andere Glaubensrichtungen), verfügen über entsprechende telefonische Beratungsdienste oder persönliche Beratungen vor Ort. Je nach individueller Problemstellung lassen sich im Internet die passenden Anlaufstellen recherchieren. Eventuell ist anschließend der Besuch von Selbsthilfegruppen hilfreich.

Zusätzlich ist das Schaffen von Strukturen im Alltag sinnvoll, um sich nicht völlig zu verlieren. Das Schreiben von To-Do-Listen oder festen Tagesregeln kann das Vorgehen unterstützen. Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Meditation oder Progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen sind ebenfalls gute Möglichkeiten, seine Balance zu finden.

Wie erkennt man, dass eine Selbsthilfe nicht mehr möglich ist?

Sobald man mit niemanden sprechen kann, ist man in der Gefahr, sich emotional zu blockieren und auszugrenzen. Es kann sein, dass man nach einem schrecklichen Ereignis in einen Schockzustand gerät. Das bedeutet, dass das Gehirn den Menschen schützen will, damit keine unüberlegten Verhaltensweisen unternommen werden. Der Mensch steht „quasi neben sich“ und seine Emotionen sind eingeschränkt. Man sagt innerhalb von vier bis maximal acht Wochen sollte sich dieser Schockzustand auflösen. Wenn dies nicht der Fall ist, dann sollte man die Hilfe eines Psychotherapeuten oder eines Psychiaters in Anspruch nehmen. Je nachdem, wie gravierend das schreckliche Ereignis ist, ist auch eine längere psychotherapeutische Behandlung notwendig.

Eine Selbsthilfe ist nach der ersten Schockphase nicht mehr möglich, wenn man einen oder mehrere dieser Punkte an sich feststellt:

  • Man kann nicht mehr weinen.
  • Man kann sich nicht mehr freuen.
  • Man kann keine Empathie mit anderen Personen zeigen.
  • Man weint ständig, sobald man an das Ereignis erinnert wird.
  • Schlafstörungen sind anhaltend.
  • Man verkriecht sich und meidet soziale Kontakte.
  • Man erlebt plötzlich das schreckliche Erlebnis wieder (Flash Backs).
  • Man entwickelt abnorme Verhaltensweisen (Alkohol, Drogen, Essstörungen, Zwänge).
  • Man verzeichnet Leistungseinbrüche, Konzentrationsstörungen oder Vergesslichkeit.

Welche Unterstützung kann ein Psychologe geben?

In erster Linie geht es um eine empathische Kommunikation. Psychologen hören ohne jegliche Bewertung zu. Sie zeigen Verständnis und geben ein Gefühl der Geborgenheit. Erst im nächsten Schritt kommt es zu dem Einsatz von sinnvollen Therapietechniken, die unterschiedlich sein können. Das geht von der klassischen kognitiven Verhaltenstherapie oder Entspannungstechniken bis hin zu Hypnose oder EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Das Ziel der Therapie ist, den Menschen aus seinem Schockzustand zu befreien. Wenn die Person die Realität annehmen und anerkennen kann, hilft der Therapeut dabei das Ereignis und die Trauer zu bewältigen. Ebenfalls kann der Psychotherapeut mit seinem Patienten ein zukünftiges neues Leben erarbeiten und ihm Hoffnung geben, dass alles wieder gut wird.

Wie findet man den richtigen Psychologen?

Insgesamt ist dieses Prozedere nicht so leicht. Vorab ist zu klären, wer die Kosten der Therapie übernimmt bzw. wie hoch der Anteil der Kostenübernahme ist. Eine Überweisung vom Hausarzt mit einer entsprechenden Diagnose ist in der Regel die Basis für das weitere Vorgehen. Um den passenden Therapeuten zu finden, empfehle ich den Blick auf verschiedene Webseiten: die Kassenärztliche Vereinigung, die Berufsorganisationen (Psychotherapeutenkammer, Ärztekammer) oder die fachbezogenen Vereine der Psychotherapeuten (BDP, PID; DGVT, EMDRIA). Bei der Auswahl ist die Zugehörigkeit zur Berufsorganisation zu prüfen, um sich vor Scharlatanen oder etwaigen Lebensberatern zu schützen. Jeder Psychologe und Psychotherapeut verfügt über eine Approbation. Viele von ihnen haben eine Zusatzqualifikation studiert.

Zudem ist es bei der Wahl des Psychotherapeuten wichtig, dass ich jemanden finde, der sich auf meine Probleme spezialisiert hat. So wäre bei Familienproblemen besser ein systemisch ausgebildeter Therapeut geeignet. Bei Verhaltensstörungen, egal welcher Art, könnte ein Verhaltenstherapeut sehr gut helfen. Sollte ich innere Konflikte mit mir und meiner Vergangenheit/Kindheit haben, könnte der tiefenanalytische oder psychoanalytische Psychotherapeut hilfreich sein. Sollte mehr ein medizinischer Aspekt im Vordergrund stehen, dann wäre es am besten, mit einem Psychiater oder Neurologen über die Probleme zu sprechen.

Im Notfall kann man die zentrale Nummer 116 117 anrufen. Dort bekommt man in kürzester Zeit ein Beratungsgespräch mit einem von den Krankenkassen anerkannten Psychotherapeuten bzw. Psychotherapeutin zugewiesen. In diesem Gespräch wird entschieden, ob der Therapeut für meine Belange zuständig ist und mir einen Therapieplatz anbieten kann. Er kann mich aber auch an andere Hilfsstellen weiterleiten, ins Krankenhaus einweisen oder ein Formblatt PTV 11 ausstellen. Dies bestätigt, dass man dringend einen Therapieplatz braucht.

Zur Person

Helga Land-Kistenich ist Diplom Pädagogin, Diplom Psychologin, Master of cognitive neuroscience, Approbierte Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie) und Trauma-Therapeutin (EMDRIA) für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Sie praktiziert seit Jahrzehnten in ihrer eigenen Praxis in Berlin und teilweise in Spanien. Außerdem hat sie zahlreiche Fachbücher veröffentlicht. www.dobam-berlin.de

Sie ist Mitglied im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V.