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Seelische Gesundheit

Mobbing: Schauen wir nicht weg

Im Schulhof, im Büro, im Internet. Seit langem geistert es als Schlagwort durch die Gesellschaft: Mobbing. Aber was ist damit genau gemeint? Nimmt das Phänomen zu? Und wie sollte man reagieren und Opfern helfen?

Autor: Daniel Auer

Lesezeit: 4 / veröffentlicht:

Fast jeder hat den Begriff schon gehört, doch genaues Einordnen ist nicht immer leicht. Das Wort Mobbing hat seinen Ursprung in der Tierverhaltensforschung und kommt vom englischen „to mob“. Es bedeutet etwa „jemanden bedrängen oder angreifen“. Wenn man nun von Mobbing redet, heißt das nicht einfach streiten? Jemanden bedrohen? Oder gar „Psychoterror“? Tatsächlich gibt es nach wie vor keine einheitliche Definition. Das Bündnis gegen Cybermobbing e.V. spricht von Mobbing, „wenn eine Person gezielten und systematischen Angriffen wie Anfeindungen, Schikanierungen oder Diskriminierungen ausgesetzt ist, die wiederholt auftreten und sich über einen längeren Zeitraum erstrecken.“

Der Verein Zeichen gegen Mobbing rät zu Verwendung von vier Kriterien, um das Phänomen besser abzugrenzen:

  • Kräfteungleichgewicht – etwa zahlenmäßig, körperlich, intellektuell, sozial etc.
  • Häufigkeit – sich wiederholende Übergriffe, etwa mindestens einmal pro Woche.
  • Dauer – mindestens ein Monat, wobei schon früher Hilfe nötig sein kann.
  • Hilflosigkeit – das Opfer kann die Situation nicht aus eigener Kraft verbessern.

Für die Opfer bedeutet Mobbing meist eine große Stressbelastung, die sich in verschiedener Weise körperlich und psychisch auswirken kann. Auch chronische Krankheiten können entstehen – von Schlafstörungen über Magen-Darm-Störungen oder Depression bis hin zur Suizidgefährdung.

Mobbing beginnt schon bei den Kindern…

Marek Fink ist der Gründer von Zeichen gegen Mobbing. Der Verein bietet Hilfe für Betroffene und veranstaltet Präventionsprojekte in ganz Deutschland. Fink hat viel Erfahrung mit dem Thema – besonders was junge Menschen betrifft: „Systematische Mobbingsituationen erleben wir am häufigsten in den jüngeren Jahrgängen, das beginnt schon in der Grundschule. Spätestens nach der sechsten Klasse gibt es einen Rückgang der Häufigkeit von Mobbingsituationen“, so Fink.

Positiv sieht er, dass sich in den vergangenen Jahren ein gesellschaftliches Bewusstsein für das Problem entwickelt hat: „Als wir unseren Verein gründeten, hatten viele Schulen noch Angst, sich des Themas anzunehmen. Heute sind sich immerhin die meisten darüber bewusst, dass sich keine Schule von Mobbing freisprechen kann. Außerhalb des Schulpersonals erleben wir leider sogar eine Begriffsinflation: Von Mobbing wird oft zu schnell gesprochen. Das kann dazu führen, dass sich tatsächlich von Mobbing betroffene Schüler nicht mehr ernstgenommen fühlen.“

…und manch Erwachsener wird nicht erwachsen

Mobbing ist keineswegs nur ein Schulhofphänomen. Auch in der Welt der vermeintlich reiferen Erwachsenen kommt es vor, besonders am Arbeitsplatz. Die Kollegen halten etwa Informationen zurück, manipulieren Arbeitsergebnisse, geben sinnlose Anweisungen, oder setzen Gerüchte in die Welt. Mobbing kann schon damit beginnen, dass das Team ein Mitglied nicht mehr grüßt und mit Schweigen und Ignorieren bestraft – einige Mobber schrecken aber selbst vor Gewalt und sexuellen Übergriffen nicht zurück.

Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sind die Täter Männer wie Frauen, Jüngere wie Ältere – und besonders häufig Vorgesetzte. Oft gehen sie im Bündnis mit Kollegen vor, aber selbst Untergebene können einen Vorgesetzten systematisch mobben und schikanieren. Die Wahrscheinlichkeit, selbst Mobbing-Opfer zu werden, steigt für Frauen, Auszubildende und ältere Angestellte. Sie hängt aber auch von der Branche ab, in der man tätig ist. So kommt es gerade in sozialen Berufen besonders häufig zu Mobbing. Unter Reinigungspersonal gibt es zum Beispiel vergleichsweise wenige Fälle.

Mobbing findet auch online statt

Moderne Kommunikationstechnologie hat unser Leben in vielen Belangen leichter gemacht. E-Mails, Chats, Videos, Social Media, Messenger-Dienste und Handys können aber auch missbraucht werden, um andere Menschen mit System zu belästigen, nötigen und bloßzustellen. Wenn das über einen längeren Zeitraum passiert, handelt es sich um Cybermobbing.

Laut einer Studie des Bündnis gegen Cybermobbing waren 11,5 % der befragten erwachsenen Teilnehmer in Deutschland schon Opfer von Cybermobbing – und die Zahlen steigen. Ein weiterer trauriger Aspekt, den die Erhebung offenlegt: Viele Täter waren zuvor selbst auch schon von Cybermobbing betroffen.
Auch unter Heranwachsenden nimmt Cybermobbing zu, berichtet Experte Marek Fink: „Tatsächlich nehmen digitale Medien eine immer größer werdende Rolle ein. Das ist nicht erst seit dem Distance-Learning während der Pandemie der Fall, aber dadurch wurde die Entwicklung beschleunigt. Es fehlt an Aufklärung und medialer Erziehung. Die Folge: Es wird beschimpft und beleidigt, denn die Hemmschwelle ist viel niedriger als face-to-face, und auch das Eingreifen von außen fällt schwerer. Allerdings ist es unverändert, dass die meisten Cybermobbing-Situationen unter Kindern und Jugendlichen um innerschulische Handlungen erweitert werden oder auf diesen gründen.“

Nicht wegschauen – aber wie helfen?

Die Formen von Mobbing sind vielfältig, und in Deutschland gibt es keinen Mobbing-Straftatbestand. Mit einzelnen Handlungen gehen aber meistens Rechtsverletzungen einher, etwa üble Nachrede, Beleidigung, Körperverletzung oder die Verletzung des Rechts am eigenen Bild. Betroffene können in solchen Fällen die Polizei informieren und Anzeige erstatten. Dafür sollte die Straftat jedoch klar nachweisbar sein, was besonders bei psychischer Gewalt oft schwierig ist. Sinnvoll ist es in vielen Fällen, erst einmal professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen.

Was sollte man also tun, wenn man Mobbing beobachtet – in der Familie, in der Schule oder in der Arbeit? Für Marek Fink von Zeichen gegen Mobbing ist das Wichtigste: überhaupt reagieren und für eigene Werte einstehen. Dann gibt es zwei Schritte: „Als erstes sollte man für die betroffene Person einfach da sein, ihr zuhören und ihr zeigen, dass man sie und ihre Lage ernst nimmt. Im zweiten Schritt sollte man überlegen, wo der oder die Betroffene Hilfe erhalten kann. Das können etwa schul- oder unternehmensinterne Anlaufstellen sein, aber auch externe Hilfsorganisationen wie unser Verein. Die Hauptsache ist, dass sich die betroffene Person dort wohl und verstanden fühlt. Dann können verschiedene Interventionsmöglichkeiten und Wege für eine erfolgreiche Konfliktlösung geplant werden.“

Zur Person

Marek Fink gründete schon im Alter von 21 den Verein Zeichen gegen Mobbing – die Intention entstand aufgrund eigener Mobbingerfahrung. Mit dem Verein hat er eine Anlaufstelle für Betroffene geschaffen und steht mit seinem Team für ein besseres Miteinander ein.